Mo

10

Okt

2011

Das Vermächtnis des letzten Wwoofis

”Magst du nicht einen Blogeintrag schreiben? Wäre doch schön, wenn mal ein Wwoofi hier zu Wort kommt…” meinte Cordula  vor in paar Tagen zu mir. Und so wage ich Neuwwoofi mich also an das Blogschreiben.  Seit Dienstag bin ich da, heute ist Montag, also gibt es schon einiges zu erzählen. Michael holte mich vom Bahnhof ab und wir fuhren von Karlstad aus immer weiter in Richtung Wildnis. “Sind das eure nächsten Nachbarn?” wollte ich wissen, als wir bei einem einsamen Hof mitten im Wald vorbeikamen. Nein, die waren es noch nicht und weiter ging es ueber Schlaglöcher und in Schlangenlinien bergauf. Am Wegrand stand ein Buecherbus, eine fahrende Bibliothek, die auch die entlegeneren Häuser und Höfe mit Lesestoff versorgt und irgendwann auf der rechten Seite ein von den Sommerwwoofis bunt bemalter Wegweiser mit “Snåret”. Wir waren da.

 

Lisa begruesste mich freundlich und zurueckhaltend, ihr Hundekollege Bamse war richtig stuermisch, sprang wild mit dem Schwanz wedelnd an mir hoch und warf mich fast um. Doch er kann auch sehr schmusig sein, besonders morgens, dann verliert er beim Kraulen tonnenweise Fell. Auch den anhänglichen Bilbo lernte ich gleich kennen; er begleitete mich maunzend zur Schule, meiner neuen Bleibe fuer eine Woche, suchte das Bett aus und half beim Beziehen –naja, eher weniger, aber eine nette Gesellschaft ist er doch! Beim Zaun reparieren  kraxelt er Michael und mir auf den Ruecken, wo er schnurrend einschläft. Oder er inspiziert den Zaun und prueft, ob wir auch ordentlich arbeiten. Auch gestern musste er einen Blick ins Gewächshaus werfen. Dort ist jetzt ein richtiger Kahlschlag, die Tomaten sind draussen, die Gurken auch, nur der Spargel darf bleiben. 

 

Aber nicht nur Bilbo leistet bei der Gartenarbeit Gesellschaft, auch Lisa sorgt dafuer, dass keine Langeweile aufkommt. Unermuedlich legt sie uns ihren “Kotti” (von schwedisch Kotte=Tannenzapfen) vor die Nase und hofft, dass ihn irgendeiner versteckt oder am liebsten wirft. Nur dumm, dass die Menschen noch so viel andere Dinge zu tun haben, zum Beispiel Giersch aus der Erde ziehen. Ich Städter wusste ja gar nicht was Giersch ist, bis ich die eher unerfreuliche Bekanntschaft mit dieser auswuchernden Unkrautpflanze machen durfte. Obwohl er nur an einem kleinen Flecken wuchs, hatte er schon seine hartnäckigen weissen Wurzeln in alle Richtungen ausgebreitet und es hat doch eine Weile gedauert, bis ich ihm endgueltig den Garaus gemacht hatte. Zum Glueck war Lisa da und wir spielten nach jeder Schubkarrenfuhre voll Giersch einmal Kotti verstecken, bis die Hundenase ganz erdig war.

 

Eins meiner Highlights hier auf dem Hof war das abendliche Bad in der gusseisernen Freiluftbadewanne.  Bei 0  Grad Aussentemperatur  im heissen Wasser liegen, ein echter Luxus! Fuer den Panoramablick auf die Wiese war es zu dunkel, dafuer war der Himmel um so huebscher. Mit Sternen. Und mit Sternschnuppen! Ich glaube, ich lag ueber eine Stunde in der Wanne, bis Cordula mal nachschauen kam. Nicht dass ihr der letzte Wwoofi in diesem Jahr noch in der Wanne ertrinkt. Mein Rat an alle zukuenftigen Woofer: lasst euch so ein Bad nicht entgehen! Das lohnt sich wirklich!

Heiss gemacht wird das Wasser uebrigens durch ein kleines Feuerchen direkt unter der Wanne. Michael kuemmerte sich darum, seine Wwoofer sollen es ja gut haben sagt er und ich bin kein Held im Feuer machen. 

 

Meine romantische Vorstellung vom gemuetlichen Kaminfeuer hat ein bisschen gelitten, denn ich brauche abends gefuehlte Stunden, bis es dann endlich im Kamin in der alten Schule knistert. Einfach die dicken Scheite rein, Streichholz an und fertig, so einfach geht das ja leider nicht. Aber ich lerne und es klappt immer besser. Zum Glueck, denn es wird langsam richtig kalt. 7 Grad waren es gestern abend in der Schule und da ueberlege ich es mir doch dreimal, ob ich den kurzen aber eisigkalten Weg zum schuleigenen Plumpsklo noch auf mich nehme.

Ab morgen ist dann alles schon wieder vorbei, da geht es in Richtung Heimat. Schade eigentlich, denn das Hofleben gefällt mir. Gerne wuerde ich Bamse oder Lisa mitschmuggeln oder zumindest den lustigen Bilbo. Zu dumm, dass Ryan Air so strenge Gepäckbestimmungen hat. Vielleicht muss ich dann doch im Mai wiederkommen, da braucht Cordula Gartenwwoofer und das wird bestimmt auch wieder lustig.

 

Anna 

 

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Outdoor- Magazin, Juni 2010

Freie Heilpraktiker (”Wir”), Dezember 2009

 

 

 

Cordula und Michael verlassen Deutschland. Sie fühlen sich eingeengt und perspektivlos. In den schwedischen Wäldern haben sie sich eine alte Holzhütte ohne Strom gekauft, die sie gegen die Bequemlichkeiten ihrer alten Heimat eingetauscht haben. Ihr Ziel – Selbstversorger in Schweden. Doch ist nicht alles so einfach, wie es klingt.

 

In diesem Buch beschreibt Cordula 6 Jahre Auswanderalltag ungeschminkt in allen Facetten. Daß es heute nicht so leicht ist, ein Leben ohne Strom zu führen, wird in dem reich bebilderten Buch (über 90 Fotos!) ebenso herzlich erfrischend von der Autorin geschildert wie die vielen anderen schönen und schlechten Momente in ihrem neuen Zuhause.

 

Daß Wäschewaschen ohne Waschmaschine zeitraubend und mühselig ist, und daß man beim Holzhacken fast die Hand verlieren kann, sind nur einige der fesselnden Anekdoten, in denen Cordula das Leben in Schweden beschreibt. Sie läßt den Leser eindrucksvoll teilhaben an der Arbeitssuche, ebenso wie an der Zähmung eines Hühnerkükens oder den Schwierigkeiten, ein Plumpsklo zu entleeren.

 

Dieses amüsant und leicht zu lesende Buch legt man nicht so schnell zur Seite. Für alle, die jemals vom Auswandern geträumt haben oder für Freunde Schwedens, ist diese Geschichte vielleicht nicht nur spannende Freizeit- oder Urlaubslektüre, sondern auch ein Buch, das Mut macht. Nämlich Probleme anzupacken, wo sie auftauchen, die schönen Momente zu genießen und seine Träume zu leben.  

 

ISBN: 9-783839-103142

 

 

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