So

11

Sep

2011

Schichtwechsel

„Du siehst genauso aus wie in dem Blog!“ begrüßte Wwoofer- Hannah Michael, als er sie am Bahnhof abholte. Ich mußte grinsen, als ich das hörte. Aber es ist schon etwas merkwürdig: Da kommen Menschen, die man nicht kennt, und wissen unheimlich viel über einen. So auch Wwoofer- Lisa, Wwoofer- Anna und Wwoofer- Axel, die Michael fast umgehend fragten, was denn sein Fuß mache. Denn er hatte ihn sich ja einige Tage zuvor übel gezerrt, und ich natürlich im Blog darüber berichtet. So richtig dran gewöhnen werde ich mich wohl nicht, aber so weiß zumindest jeder Wwoofer, was ihn erwartet, wenn er zu uns kommt J

 

Unsere drei Bayerinnen sind abgereist. Sie tauschten Gartenarbeit bei uns gegen Sanddornpflücken. Aber an ihrem letzten Tag erfüllten sie mir einen Herzenswunsch: Sie putzten die Fenster im Wohnhaus! Die hatte ich ja vor zwei Jahren renoviert, kam dann aber nicht mehr zum Kitt und Farbe abkratzen, und man konnte bei einigen Fenstern auch deutlich sehen, daß sie dreißig Jahre lang nicht geputzt worden waren. Letztes Jahr dann wollte ich sie putzen- und renovierte sie statt dessen noch einmal, denn die Meisen hatten den Kitt rausgefressen. Dieses Jahr dann besserte ich den Kitt zum hoffentlich letzten Mal aus, schob das ungeliebte Fensterputzen aber immer vor mir her. Schulfensterputzen hatte ich mit Lisa und Anne bereits begonnen, die habe ich prioritiert, da wir die Schule ja vermieten wollen, das Wohnhaus mußte warten. Schien die Sonne durch die Scheiben, schwor ich mir ein fürs andere Mal, endlich Glaskratzer und Seifenlauge zu nehmen und das leidige Thema anzugehen, und dann gab es doch wichtigere Sachen zu erledigen. Ich bin halt nicht der Fensterputzer.

 

Ich mußte mit Michael auf eine Baustelle fahren und bat Sophie, Luzie und Jule, zumindest außen mit dem Kittabkratzen zu beginnen. Als wir nach Hause kamen, hatten sie die Fenster nicht nur außen geputzt, sondern auch innen bereits begonnen! Welche Freude! Und da sie bereits so eifrig dabei waren, zu wienern und zu putzen, baute Michael die Innenbögen in Wohnzimmer, Küche und Bad aus, damit auch sie geputzt werden konnten. Mit Leib und Seele waren sie dabei, und ich jubelte nicht nur innerlich. Juchhu, man konnte anständig durch die Scheiben blicken! Und sogar im Eingangsbereich, wo von innen so komischer grüner Belag an den Scheiben geklebt hatte, blitzte und blinkte es, daß es mir fast in den Augen wehtat! Die Balkontür, die nicht nur von den Katzen im unteren Bereich ständig verschmiert wird, sondern auch von Männerhänden, die Glasscheiben den Türklinken vorziehen, im oberen Bereich, sah aus wie neu gekauft. Wow!

Wwoofer- Milan lernte die drei noch kennen. Er hatte es nämlich doch noch zu uns geschafft, allen Widrigkeiten zum Trotz. Vor drei Wochen nämlich hatte ich einen Anruf von ihm bekommen, der seinen Aufenthalt bei uns etwas infrage stellte: Er befand sich gerade auf einem Hof in Mecklemburg- Vorpommern, bei dem er seine Ausrüstung und Paß auf der Sauna verstaut hatte- die abbrannte, mitsamt all seinen Habseligkeiten. Und ohne Paß ist es schon nicht so schön, das Land zu verlassen… die angekokelten Geldscheine nimmt hoffentlich die Bank zurück, die Läden weigern sich aus verständlichen Gründen.

 

Jedenfalls ist er jetzt da und bewohnt die Schmiede. Hannah bezog die Lehrerwohnung, kam aber eines Morgens nach einer stürmischen, verregneten Nacht mit einer Hiobsbotschaft zu uns: Sie war vom steten Tropfen auf den Fußboden wach geworden. Es hatte in die Schule geregnet! Eine Begutachtung ergab, daß das Dach dicht war, die Nässe jedoch durch die marode Fassade gedrungen, die dicken Balken durchnäßt und dann durch die Zwischendecke ins Schlafzimmer getropft war. Da hatten wir die Fassade gesprüht, in der Hoffnung, daß wir sie erst im nächsten Jahr austauschen müssen, und nun so etwas! Ins Getreidemagazin regnet es auch an zwei Stellen hinein, vorm Winter müssen die Lecks unbedingt noch beseitigt werden.

 

Seit Ende Juli regnete es, vorgestern kam endlich die Sonne raus. Nach sieben Wochen Regen! Und so wirbelten Hannah und ich im Garten, zupften, mulchten und pflanzten um, und sind doch noch nicht fertig damit. Milan griff Michael bei einer nahegelegenen Baustelle unter die Arme, denn ich gehe nicht auf das Gerüst und bin heilfroh, daß Milan einspringt. Außerdem konnte ich mich so auf den Garten konzentrieren, was sowieso viel mehr Spaß macht.

 

Und da Hannah und ich zuhause waren, erlebten wir das Drama live mit. Hautnah sozusagen, und es war besser als Kino: Der weiße Hahn, der Import, der, seitdem er bei uns wohnt, gemobbt und gejagt wird, der immer nur mal wieder eine einzige Henne mit sich führte, der im Rang so weit unten stand, daß er teilweise nicht auf die Sitzstange durfte, der nicht erkannte, daß er der größte und kräftigste von allen ist, daß Tokki und Weißkopf einfach nur kleine Sizilianer sind, die ihre nicht vorhandene Größe durch Großmäuligkeit und Aggressivität ausgleichen, dieser unterdrückte und verkannte Hahn bäumte sich auf und setzte sich zur Wehr. Er war es wohl leid, ständig von Tokki weggejagt zu werden, und diesmal reagierte er. Massiv. Tokki war die Verblüffung genauso ins Gesicht geschrieben wir mir, als ich es sah: Tokki und der Weiße lieferten sich einen filmreifen Kampf. Und Tokki gab einfach nicht auf. Die Halsfedern stellten sich auf, und immer und immer wieder gingen sie aufeinander los. Der Kampf verlagerte sich vom Weg auf den Kompost und dann richtung Heckenrosen. Plötzlich ein schrilles Kreischen. Tokki war getroffen und floh in den Stall, dicht gefolgt vom Weißen, der seinen Sieg in greifbare Nähe gerückt sah. Mit weit ausgreifenden Schritten folgte er Tokki in den Stall. Der Kampf schien vorbei, nur das Siegesgegacker des Weißen war zu hören. Laut schrie er seinen Sieg erst Tokki und dann allen Hennen zu. Und auch Weißkopf, der dem Kampf unberührt zugesehen hatte. Hoch erhobenen Hauptes stolzierte er aus dem Stall, arrogant reckte er den Kopf und erzählte es jedem, der es hören wollte oder auch nicht, daß er Tokki geschlagen hatte. In einem fairen Kampf. Den Mut dazu, vermute ich, hatte er dadurch bekommen, daß der große dunkle Hahn noch zu Zeiten der Wwoofer- Bayerinnen (siehe letzter Blogeintrag) dran hatte glauben müssen.

Ich kontrollierte, ob Tokki noch lebte. Ja, tat er, saß in einem ungenutzten Nest im Stall. Auch nach einer halben Stunde war er nicht wieder zum Vorschein gekommen, und mein Kontrollgang enthüllte, daß er sich in die dunkelste Ecke zurückgezogen hatte. Michael stellte dann fest, daß er ziemlich lädiert aussah, eines seiner Augen existierte kaum noch, und wir entschlossen uns, ihn endlich zu schlachten. Zu oft war er schon der Axt entgangen, aber diesmal mußten wir ihn erlösen. Dachten wir. Denn Milan war gerade mit der Axt im Anmarsch, da stob Tokki laut kreischend aus dem Stall und begann, hysterisch hin und her zu laufen. Also ging es ihm wohl doch nicht so schlecht, die Axt wurde beiseite gestellt.

 

Es war Abend, und ich wollte das Licht im Stall löschen. Tokki saß auf der Stange, und ganz entgegen seiner Gewohnheit blieb er still, als ich den Stall betrat. Forschend trat ich an ihn heran und betrachtete ihn. Er blieb weiterhin ruhig. Das war kein gutes Zeichen! Sein Auge war ausgelaufen, er sah nicht gut aus. Ich entschloß mich, daß wir ihn wohl doch schlachten würden. Michael betrat den Stall, und ich hörte Tokki, bevor ich ihn sah. Jetzt war nichts mehr von still zu hören, er kreischte, wußte wohl, was anstand, und hing an seinem Leben. Wollte nicht sterben. Ich überlegte gerade, ob ich mich ein weiteres Mal für ihn einsetzen sollte, im Frühjahr hatte ich dies ja bereits einmal mit Erfolg getan, da trat urplötzlich Stille ein. Zu spät. Wir würden Tokki essen.

 

Und das taten wir auch. Zäh war er, und da nützte auch das lange Kochen nichts. Dennoch: Erst verschwand eine halbe Tokkibrust aus dem Topf. Dann war die andere Hälfte angenagt, und am nächsten Morgen fehlten plötzlich beide Tokkibrüste. Milan bekam einen Tokkischenkel, ich nagte die Reste ab, und die Suppe verzehrten wir gemeinsam. Ohne Hannah, denn die ist Vegetarierin, allerdings eine vom alten Schlag, denn Fisch ißt sie.

 

Wobei mir einfällt, daß Milan ja letzten Sonntag angeln war. Und dabei bis zur Hüfte im Moor steckengeblieben war und sich nur mit viel Mühe wieder befreien konnte. Wir konnten ihm nicht helfen, denn wir waren Pilze sammeln. Sechs Kilo waren es geworden, und einen Teil mußten wir einkochen. Auch die Fische, die Milan gefangen hatte, konnten wir nicht vollständig vertilgen, es waren einfach zu viele.

Die Pause während unserer Pilzwanderung verbrachten wir am Långtjärn, an dem sich ein Unterstand und eine Feuerstelle befinden. Er ist nicht weit von uns, und doch haben wir den Wanderpfad erst vor wenigen Wochen entdeckt. Michael hatte dort bereits Ende August mit Sophie, Luzie und Jule eine Pilzsammelwanderungspause gemacht, und da die Wanderung so ergiebig und der Wanderweg so schön war, wiederholten wir sie nun zu dritt.

Hannah war die erste, die in den See sprang, sie ist leidenschaftliche Schwimmerin, und da konnte Michael natürlich nicht zurückstehen. Er brauchte zwar einige Minuten länger als Hannah, bis er im Wasser war, aber dann durchschwamm er mit ihr gemeinsam den See.

Ich zog es vor, am Feuer sitzen zu bleiben, denn meine Erkältung, die ich mir vor zwei Wochen zugezogen hatte, war immer noch nicht abgeklungen. Außerdem bin ich viel zu fröstelig, um in so kaltem Wasser zu schwimmen und etwas froh über dieses Alibi. Aber malerisch sah es aus, das muß ich ja zugeben. Vielleicht springe ich nächstes Jahr mit hinein...

 

Cordula

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Outdoor- Magazin, Juni 2010

Freie Heilpraktiker (”Wir”), Dezember 2009

 

 

 

Cordula und Michael verlassen Deutschland. Sie fühlen sich eingeengt und perspektivlos. In den schwedischen Wäldern haben sie sich eine alte Holzhütte ohne Strom gekauft, die sie gegen die Bequemlichkeiten ihrer alten Heimat eingetauscht haben. Ihr Ziel – Selbstversorger in Schweden. Doch ist nicht alles so einfach, wie es klingt.

 

In diesem Buch beschreibt Cordula 6 Jahre Auswanderalltag ungeschminkt in allen Facetten. Daß es heute nicht so leicht ist, ein Leben ohne Strom zu führen, wird in dem reich bebilderten Buch (über 90 Fotos!) ebenso herzlich erfrischend von der Autorin geschildert wie die vielen anderen schönen und schlechten Momente in ihrem neuen Zuhause.

 

Daß Wäschewaschen ohne Waschmaschine zeitraubend und mühselig ist, und daß man beim Holzhacken fast die Hand verlieren kann, sind nur einige der fesselnden Anekdoten, in denen Cordula das Leben in Schweden beschreibt. Sie läßt den Leser eindrucksvoll teilhaben an der Arbeitssuche, ebenso wie an der Zähmung eines Hühnerkükens oder den Schwierigkeiten, ein Plumpsklo zu entleeren.

 

Dieses amüsant und leicht zu lesende Buch legt man nicht so schnell zur Seite. Für alle, die jemals vom Auswandern geträumt haben oder für Freunde Schwedens, ist diese Geschichte vielleicht nicht nur spannende Freizeit- oder Urlaubslektüre, sondern auch ein Buch, das Mut macht. Nämlich Probleme anzupacken, wo sie auftauchen, die schönen Momente zu genießen und seine Träume zu leben.  

 

ISBN: 9-783839-103142

 

 

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