So
24
Jul
2011
Daran werde ich mich erst einmal gewöhnen müssen. Auf einen Schlag ist es still geworden auf dem Hof. Die letzten zehn Tage ging es richtig hoch her! Ich erinnere mich gut an einen Tag, an dem ich vom Einkaufen kam. Betrat die Küche- und damit ein augenscheinliches Chaos. Alle wuselten hin und her, es wirkte völlig ungeordnet, und doch wußte jeder, was er zu tun hatte. Birgit und Daniel wuschen bzw. trockneten ab. Axel war am Kochen und Anne und Lisa am Kuchen backen. Kreuz und quer führten die Wege durch unsere Küche, und auch ich hatte schnell meine Aufgabe gefunden. Als Michael dann kam, war bereits alles fertig.
Und jetzt- Stille. Denn vier von fünf Wwoofern sind heute abgereist. Anne und Lisa brachte ich heute früh zum Busbahnhof. Und heute Mittag reisten Birgit und Daniel ab. Der hat nämlich ein Haus gefunden, das er kaufen möchte, und dessen Schornsteinbesichtigung morgen früh stattfindet. Beide fahren runter und bleiben gleich da.
Ich glaube, es ist allein Axel zu verdanken, daß ich nicht in Depressionen versinke. Michael ist unterwegs, es regnet, und es ist ungewohnt still hier. Das braucht wohl einige Tage, bis wir uns daran gewöhnt haben. Vielleicht dauert es aber auch so lange, bis die beiden Spanier am Sonntag kommen und wieder etwas Leben auf den Hof bringen.
Anne und Lisa- unsere singenden und tanzenden Wwoofis. Das hatten wir noch nicht: Wwoofer, die während der Arbeit singen und auch mal einen heißen Step hinlegen. Nachdem sie die Decke des Schulsaals zum zweiten Mal gestrichen hatten, bekam ich eine Privatvorstellung, die im Schulsaal stattfand, und auch auf den „Marshmallows“ wurde die eine oder andere Turnübung hingelegt.
Bis zum zweiten Frühstück arbeiteten Axel, Anne und Lisa oft gemeinsam mit Michael am Schwedenzaun und lichteten auch das Unterholz dort, wo der Verlauf des Zaunes sein sollte. Im Rahmen dessen kam nach und nach ein völlig zugewachsener Entwässerungsgraben zum Vorschein! Nach dem Frühstück wurden Beete umgegraben und von unerwünschten Wildkräutern befreit, schubkarrenweise Kuhkacke herangeschafft (Danke, Axel!), gezupft und gemulcht. Daniel kümmerte sich um die marode Elektrik, während Birgit beide Schuleingänge mit Farbe verschönerte, so daß sie jetzt wie neu aussehen, und Lisa und ich sahen zu, daß zumindest ein Teil der Schulfenster endlich mal von Kitt, Farbe, Holzöl und vierzig Jahren Schmutz befreit wird, und alle gemeinsam fuhren wir Holz in die Scheune und stapelten es, und die beiden Mädels malten die Schmiede von außen richtig schön rot. Mit Falu Rödfärg, womit sonst.
Ihren empfindlichen Städternasen verdanken wir übrigens den gefüllten Torfeimer auf unserem Plumpsklo, und ihrer nicht versiegenden Kreativität einen selbst bemalten Wegweiser, zwei bemalte Holzschindeln fürs Plumpsklo, die darüber informieren, ob der Donnerbalken frei oder besetzt ist, und ein Gästebuch, auf das wir zukünftig jeden Gast und Wwoofer freundlich hinweisen werden.
Axel zog es immer wieder mit der Axt zum Hackeklotz (normalerweise geben wir Wwoofis keine Axt in die Hand, aus eigener, bitterer Erfahrung, aber hier machten wir eine Ausnahme), Daniel kümmerte sich darum, daß die Baggerspur weitgehend von Steinen, Löchern und Hügeln befreit wird, und auf dem hohen Kuhkackehaufen zupften wir die dort ansässigen Kürbisse von dem Grünzeug frei, das wir dort eigentlich auch nicht haben wollten.
Johannisbeeren wurden geerntet und von Anne und Lisa zu leckerem Kuchen verarbeitet, genauso wie die Blaubeeren, die sie im Wald pflückten. Eines Abends haben wir sogar Bienenstich bekommen! Der war so gelungen, daß einige von uns nur ein einziges Stück futtern konnten, bevor sie aufgaben. Überhaupt haben wir nach dem leckeren vegetarischen Essen, das Axel jeden Abend zubereitete, meistens einen noch warmen Kuchen oder eine Torte vorgesetzt bekommen, bevor sich Birgit in den Abwasch stürzte.
Bamse war besonders glücklich darüber, daß ihn Axel morgens mit zum Laufen genommen hat, und zur Entschädigung wurden für Lisa (der mit dem weißen Fell, nicht der mit dem langen dunklen Haar) Unmengen von Tannenzapfen und Stöckchen versteckt.
Lisa & Lisa
Und überhaupt Bamse und Lisa. Die fanden es beide überhaupt nicht gut, daß Lisa tagelang mit einem Keuschheitshöschen umherlief. Wo doch die Hühnchen im Sichtbereich täglich mehrmals... und sie beide, die doch zur Familie gehören... so richtig zu Familie...
Aber bei den Hühnchen wurden dann auch die Folgen sichtbar: Unser Hühnerbestand hat sich in den letzten Tagen verdoppelt, und es ist immer noch kein Ende in Sicht. Nachdem sich zwei Sorgenkükchen, bei denen das Überleben mehr als unsicher war, gerappelt haben, teilen sich nun zwei Glucken die Erziehung ihrer insgesamt zwölf Kinderchen. Bei denen mindestens zwei, nämlich den schwarzen, Tokki seine Finger oder andere Körperteile im Spiel gehabt haben muß. Aber auch der weiße Neuling hat früher zugeschlagen, als wir gedacht hatten, denn eines der sechs größeren Küken (Man zähle: zwölf plus sechs macht achtzehn!) kann nur von ihm sein, so weiß, wie es ist.
Bilbo begutachtete das alles natürlich, und da Anne und Lisa ihn rückhaltlos in ihr Herz geschlossen hatten, bereiteten sie ihm vor der Schule unter der Überdachung liebevoll ein Bettchen und streichelten und sangen ihn abends in den Schlaf. Zum Dank legte er ihnen dann die eine oder andere Maus vor die Tür, damit sie nicht verhungerten. Entsprechend verwirrt sah er heute aus, als die beiden weit und breit nicht zu sehen waren. Ich werde wohl heute mal hoch zur Schule gehen und ihm erklären, daß er ein Jahr auf die beiden warten muß, und daß er heute von mir ins Bettchen gebracht wird.
Gestern Abend saßen wir noch einmal am Lagerfeuer und aßen Stockbrot. Michael, der heimlich geübt hatte, holte die Gitarre hervor, und dann spielte er Idas Sommarvisa, und Anne und Lisa sangen dazu- auf schwedisch. Der Regen löste unser geselliges Beisammensein auf. Glücklicherweise, muß ich sagen, denn sonst hätten wir noch viel länger dort gesessen, und das, wo der Wecker heute früh um halb fünf klingelte, da die beiden Mädels so früh in Karlstad sein mußten.
Und so sind wir jetzt nur noch drei auf unserem Hof. Zunächst.
Und während ich diese letzten Zeilen online stelle, sehe ich Bilbo. Der fühlt sich wohl so einsam oben an der leeren Schule, daß er es tatsächlich gewagt hat, sich ins Herrschaftsgebiet unserer Katzen zu begeben und durch die Balkontür zu gucken. Mann, muß der eine Sehnsucht haben!
Cordula