Mi

29

Jun

2011

Immer was los hier!

„Oh Mist, verdammt!“ hörte ich es schreien, raste aus der Schule, in der ich mit Michael gerade das Zimmer für unsere Wwooferin vorbereitete, und sah Michael schmerzverkrümmt auf dem Boden liegen. Er war mit dem Fuß umgeknickt und konnte sich sicherlich eine Minute lang nicht rühren. Das Fußgelenk schwoll sofort an, eine Schwellung in Größe eines Tennisballs, und im laufe der nächsten Minuten bereits sah man die Einblutung im Gewebe. Eine Zerrung, und was für eine!

 

In der Hoffnung, daß keine Sehne angerissen war, fuhren wir zur Arztzentrale, von wo aus wir zum Röntgen weitergeschickt wurden. Kein Riß im Knochen, Michael wurde nach kurzer Abfertigung im Wartezimmer nach Hause geschickt. Weder wurde geklärt, ob weitere Schäden, die in Verbindung mit einer solchen Zerrung auftreten, vorlagen, noch bekam er eine Bandage oder eine Salbe verschrieben. Beides haben wir glücklicherweise zuhause liegen, aber das konnte der Arzt nicht wissen. Der Fuß ist auch heute, drei Tage nach dem Unglück, doppelt so dick, wie er sein sollte, und der blaue Fleck, der sich ursprünglich am Knöchel befunden hatte, war bis in die geschwollenen Zehen gesunken. Natürlich kann er die Füße nicht stillhalten, auch die Bandage ist für mein Sensibelchen zu unbequem, an Ruhe für den Fuß ist nicht zu denken, und ich bin fast ununterbrochen dabei, alle Daumen zu drücken, daß keine Schäden zurückbleiben. Zwar werden selbstgemachte Beinwellsalbe und Arnika das ihrige tun, aber was kaputt ist, muß ja zusammenwachsen, aber was das angeht, ist Michael halsstarrig wie ein kleiner Junge.

 

Gestern baute er den ganzen Tag Zaun mit Daniel und Denise, die vorgestern bei uns eingetroffen war, um uns die nächsten Tage auf dem Hof zu unterstützen. Nachdem vierunddreißig Meter Zaun gesetzt worden waren, fuhr Michael mit Daniel zu Gudrun und Karl- Heinz, wo die beiden anfingen, dessen Haus zu malen. Mit schwedischer roter Schlammfarbe. Denise wanderte derweil zum See und ließ sich hinterher von Gudrun verwöhnen, die noch Auflauf auftischte, damit niemand hungrig nach Hause gehen mußte.

 

Peter, Denises Freund, der eigentlich auch am Montag zu uns kommen wollte, kommt morgen nach. Er hat sich nämlich den rechten Daumen gezerrt und eine Sehne so gut wie abgerissen und brauchte erst noch das Ok der behandelnden Ärzte, bevor er ohne Operation das Land verlassen darf. Den schweizer Ärzten liegt wohl mehr an der körperlichen Unversehrtheit ihrer Patienten als den schwedischen… Momentan jedenfalls sitzt er im Zug richtung Schweden.

Es ist warm. Man könnte meinen, wir wären in Spanien. Oder Portugal. Seit drei Tagen ist hier Hitze. Fünfundzwanzig Grad im Schatten, das sind wir gar nicht mehr gewohnt! Gartenzeit! Und so packten Denise und ich unter anderem den zur Wiese verkommenen Kartoffelacker an, während Michael und Daniel die Stützbalken der großen Scheune austauschten. Der Kuhmist, der dort über einen Meter hoch gelegen und die Stützbalken hatte vergammeln lassen, war von Daniel in mühevoller Arbeit schubkarrenweise rausgefahren worden. Drei Tage hatte es gedauert, die sicherlich zwanzig Kubikmeter Kuhmist wegzufahren, und nun liegt die Betonplatte frei, auf der der Mist gelagert worden war. Hier, unter Dach, will Michael unseren Firmenbus lackieren. Er soll rot werden mit weißen Ecken. Ein Schwedenhaus auf Rädern. Das dürfte so ziemlich einzigartig sein.

Zudem wurde die Wiese von einem ansässigen Bauern geschlagen. Das Heu wird nächste Woche in Ensilageballen verpackt und soll den Kühen, die dem Bauern gehören, als Winterfutter dienen. Letztes Jahr hatte der Mähdrescher Möwen im Gefolge gehabt, die uns etwa eine Woche in Stimmung „Urlaub am Meer“ versetzt hatten, und wie erhofft, kamen auch dieses Jahr wieder Möwen. Sechs Stück, und ich hoffe, daß sie einige Tage bleiben werden. Zwar ist mir unklar, was sie auf der frisch geschlagenen Wiese suchen, aber willkommen sind sie allemal.

Heute Abend gibt es selbstgezogenen Spinat. Hier bereiten Lisa und Denise (von links nach rechts) das Abendessen vor:

Langeweile? Gibt es hier nicht! Hier ist immer was los, und das ist auch gut so!

 

Cordula

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Outdoor- Magazin, Juni 2010

Freie Heilpraktiker (”Wir”), Dezember 2009

 

 

 

Cordula und Michael verlassen Deutschland. Sie fühlen sich eingeengt und perspektivlos. In den schwedischen Wäldern haben sie sich eine alte Holzhütte ohne Strom gekauft, die sie gegen die Bequemlichkeiten ihrer alten Heimat eingetauscht haben. Ihr Ziel – Selbstversorger in Schweden. Doch ist nicht alles so einfach, wie es klingt.

 

In diesem Buch beschreibt Cordula 6 Jahre Auswanderalltag ungeschminkt in allen Facetten. Daß es heute nicht so leicht ist, ein Leben ohne Strom zu führen, wird in dem reich bebilderten Buch (über 90 Fotos!) ebenso herzlich erfrischend von der Autorin geschildert wie die vielen anderen schönen und schlechten Momente in ihrem neuen Zuhause.

 

Daß Wäschewaschen ohne Waschmaschine zeitraubend und mühselig ist, und daß man beim Holzhacken fast die Hand verlieren kann, sind nur einige der fesselnden Anekdoten, in denen Cordula das Leben in Schweden beschreibt. Sie läßt den Leser eindrucksvoll teilhaben an der Arbeitssuche, ebenso wie an der Zähmung eines Hühnerkükens oder den Schwierigkeiten, ein Plumpsklo zu entleeren.

 

Dieses amüsant und leicht zu lesende Buch legt man nicht so schnell zur Seite. Für alle, die jemals vom Auswandern geträumt haben oder für Freunde Schwedens, ist diese Geschichte vielleicht nicht nur spannende Freizeit- oder Urlaubslektüre, sondern auch ein Buch, das Mut macht. Nämlich Probleme anzupacken, wo sie auftauchen, die schönen Momente zu genießen und seine Träume zu leben.  

 

ISBN: 9-783839-103142

 

 

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