Mi
19
Jan
2011
Ich bin faul. Aber das darf ich auch sein, immerhin habe ich Urlaub. Manchmal packt mich das schlechte Gewissen, weil ich einfach nichts tu, aber ist es nicht so im Urlaub, daß man einfach nichts tut? Und immerhin lerne ich ja etwas Portugiesisch, müßte mich allerdings endlich mal bei der Uni einloggen, um mein Anwenderkonto zu schaffen und den Lehrplan einzusehen. Vielleicht heute Abend. Oder morgen. Es läuft mir ja nicht weg. Nur keinen Streß machen. Fühlt sich ungewohnt an.
Das Wetter hier am Atlantik ist gemischt. Es ist Regenzeit in Portugal, und so hatten wir einige Regentage mit starkem Wind, so daß ich nachts kaum schlafen konnte, da ich jederzeit damit rechnete, daß der Wohnwagen umgeblasen wird. Bei dem es sowieso an mindestens zwei Stellen reinregnet, wie wir feststellen mußten. Ich will nicht wissen, wie die Zwischendecke aussieht, sie muß ein einziger nasser Schimmelhaufen sein. Ach ja, die Gasheizung funktioniert auch nicht, ebenso wenig wie der Gasherd. Ich bin froh, daß ich darauf bestanden habe, unseren dreiflammigen Campinggaskocher einzupacken, auf dem wir sonst zuhause kochen. Eine Gaslampe haben wir uns hier gekauft, um abends Licht zu haben. Denn irgendeinen Fehler muß es auch beim Licht geben, wir sind noch nicht drauf gekommen, was es ist.
Außerdem hatten wir einige regenfreie Tage mit Wolken. Und einige Tage mit blauem Himmel und Sonne, die wir am Strand verbrachten. Ungestört und einsam, und sogar die Hunde können wir frei laufen lassen, da keine Elch- oder Hasenspur sie auf Abwege bringt. Das einzige Problem sind die vielen freilaufenden Hunde. Die auch kein echtes Problem wären, wenn nicht Lisa pünktlich zum Urlaub läufig geworden wäre statt Mitte November, was normalerweise ihre Zeit gewesen wäre. Jeder Hundebesitzer wird wissen, wovon ich rede. Ein Drama!
Jedenfalls fangen wir jetzt allmählich an, uns zu entspannen.
Seit zwei Wochen sind wir jetzt an unserem vorläufigen Ziel, und wir haben es vor einigen Tagen endlich geschafft, uns einzurichten und mit den Gegebenheiten zu versöhnen. War nicht ganz einfach, denn das Portugal, das wir kennen, gibt es nur noch in Ansätzen, viel hat sich verändert. Es stimmt traurig, und manchmal macht es mich wütend, aber so ist wohl der Lauf der Dinge.
Vor zwölf Jahren hatten wir Porto Covo mehr durch Zufall entdeckt. Etwas unterhalb von Sines gelegen, blühten hier die Blumen, als wir Anfang April unseren Weg an die reizvollen Strände und in das verschlafene kleine Städtchen fanden. Ich verliebte mich auf Anhieb in das ehemalige Fischerörtchen mit der zauberhaften Atmosphäre, den kopfsteingepflasterten Straßen, in die freundlichen Menschen, die meinen Versuchen, ihre Sprache zu sprechen, humorvoll begegneten und nach wenigen Tagen wußten, wer Michael und ich waren. Es gab eine Menge deutsche Aussteiger hier, und das verwunderte uns nicht. Porto Covo lud einfach zum Aussteigen ein. Damals war es noch so, daß man nicht wußte, ob die Sommerzeit im Ort nun eingeführt wurde oder nicht, und ein Portugiese erklärte uns, das wisse man erst nach einer Woche etwa, je nachdem, wie sich die Anwohner entschieden hatten; und in jenem Jahr verzichtete man darauf, die Uhren um eine Stunde vorzustellen.
Tagsüber sprangen wir völlig ungestört am Strand umher, abends saßen wir in der von einem schweizer Aussteiger geführten Pizzeria mit Blick auf den kleinen Hafen und das Meer. Nachts lauschten wir den Wellen, die durch die teilweise leicht geöffnete Tür unseres ausgebauten VW- Busses gut zu hören waren. Denn wir standen auch nachts an „unserer“ Bucht, direkt am Strand. Beim Frühstück wurden wir oft vom Ziegenhirten und seiner Herde beehrt, der fast täglich über die Wiesen zog und anscheinend einen Narren an uns gefressen hatte. Und dann gab es noch Jeppe, den herrenlosen Hund, den wir von etwa hundertfünfzig Zecken befreiten, und der uns danach täglich mindestens einmal täglich besuchte.
Bis zur Entdeckung Porto Covos hatte ich es in Urlauben nie länger als zwei Tage an einem Ort ausgehalten, hier jedoch ließ ich mich seelisch sofort nieder, und der Versuch, die Algarve zu erkunden, endete damit, daß wir noch an demselben Abend reuevoll in unsere Bucht zurückkehrten und dort den Rest unseres Urlaubes verbrachten.
Damals wohnten wir noch in Deutschland, und unsere Gehälter erlaubten es uns, noch zweimal nach Porto Covo zu fahren, bevor wir nach Schweden zogen. Fast wären wir in Porto Covo gelandet statt in Schweden, heute bin ich froh, daß wir uns für Schweden entschieden haben. Denn Porto Covo ist nicht mehr das, was es damals war.
Bereits Ende 2001, unserem vorerst letzten Urlaub in Porto Covo, deuteten sich die Veränderungen an. Auf dem Brachland zwischen Städtchen und Campingplatz beispielsweise prangte ein großes Schild, das Werbung für eine Lidl- Filiale nicht weit entfernt machte, und in einem der Restaurants wurden wir auf Deutsch bedient, was mich sehr enttäuschte, da ich gern Portugiesisch sprach und es auch heute noch nur für höflich halte, zumindest einige Brocken der Landessprache zu sprechen. Ganz zu schweigen von den ersten englischen Speisekarten.
Vor dreieinhalb Jahren nahmen wir uns eine Woche Auszeit, die wir in Porto Covo verbrachten, und der Anblick des Gebäudes der Surfschule an unserer Bucht und der veränderten Atmosphäre des Ortes verursachten mir erst einmal eine Migräne. Unsere Pension war eine Katastrophe, der ganze Urlaub schien ein einziger Reinfall zu sein. Es ist Michael zu verdanken, daß wir schließlich eine einsam am Strand liegende Pension entdeckten, die zwar doppelt so teuer war wie unsere ursprüngliche, uns allerdings die Möglichkeit gab, morgens und abends auf der Terrasse zu sitzen und beim Rauschen der Wellen Wein zu trinken. Nicht weit entfernt fanden wir einen einsamen Strand, und wenn wir abends in Porto Covo essen gingen, meinten wir, einen Teil des früheren Zaubers wiederzufinden.
Und jetzt sind wir wieder hier. Spät abends kamen wir an, und da wir uns mit Wohnwagen nicht trauten, an unsere Bucht zu fahren, die Wege sind ja mit Pkw kaum befahrbar, saßen wir auf einem gut ausgebauten Parkplatz vor unserem Wohnwagen und tranken unser Willkommensweinchen. Und mir ging mal wieder auf, wie sehr ich den Atlantik vermißt hatte.
Der nächste Tag brachte Ernüchterung:
Der kleine Ort Porto Covo ist um sicherlich das doppelte gewachsen. Alles Neubauten, und es wird weiterhin fleißig gebaut. Im größten Neubau soll sogar ein Einkaufszentrum eröffnet werden!
Aber nicht nur hier, die gesamte Küste ist eine einzige Baustelle. Die ehemals frei zugänglichen Buchten sind teilweise eingezäunt und Parkplätze eingerichtet worden. Die Atmosphäre hat unheimlich gelitten. Das Kopfsteinpflaster ist herausgerissen und gegen glatte moderne Steine ausgetauscht worden. Ehemals einstöckige Gebäude, die das Stadtbild bestimmten, wurden aufgestockt, um mehr Vermietungsmöglichkeiten zu schaffen. Einmal blieben wir mit unserem Wohnwagen an einer der vielen neu angebrachten Höhenbegrenzungen hängen, die das Benutzen von Parkplätzen für Wohnmobile unmöglich machen sollen. Der Wohnmobilparkplatz, den wir noch vor drei Jahren gesehen hatten, existiert nicht mehr. Noch ist bei der Höhenbegrenzung keine Querstange angebracht, aber die Baufahrzeuge stehen vor Ort, es ist also nur noch eine Frage von Tagen, bis sie sitzt.
Drei Tage verbrachten wir an unserer ehemaligen Bucht, aber auch hier hat der Verkehr unheimlich zugenommen. Konnten wir früher nackt baden, so ist jetzt gar nicht mehr daran zu denken. Gut, daß wir eine andere Bucht entdeckt haben, etwas Fußmarsch entfernt, aber nicht frequentiert. Zweimal kam ein Angler vorbei, aber das ist auch schon alles. Damit können wir gut leben.
Diese Bucht verfügt über einen Bach, der ins Meer fließt, sehr praktisch für die Hunde. Die nach anfänglicher Zurückhaltung der Wellen gegenüber jetzt gern hineinspringen und daher beim Aufbruch von uns immer ins Süßwasser gejagt werden, um sich das Salzwasser abzuwaschen.
Vor fünf Tagen sind wir auf den Campingplatz gezogen. Er ist teuer, aber da wir nicht täglich Strom benötigen, können wir die Kosten etwas senken. Ich hoffe nur, daß an der Rezeption eine Strichliste geführt wird und wir nicht täglich die Strompauschale von 3,40 Euro bezahlen müssen.
Das Klima ist fantastisch. In den Gärten stehen Kohl, Lauch, Salat. Die Orangen und Zitronen sind reif. Blumen blühen. Frost gibt es hier nicht. Selbst, wenn es bedeckt ist, herrschen Temperaturen um die fünfzehn Grad. Nachts schlafen wir bei offenem Fenster.
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Zuhause liegt ein Meter Schnee, und über Weihnachten und Neujahr war es sehr kalt und stürmisch, Stromausfälle gab es ständig, und die Temperaturen lagen wohl noch letzte Woche bei minus sechzehn Grad. „Kommt gefälligst nach Hause und schippt Schnee!“ war die Reaktion unserer Nachbarn auf das Sommer-Sonne-Strandfoto, das Michael bei Facebook hochgeladen hatte, und sie machten uns scherzhaft auf den schwedischen Neid aufmerksam, wir sollten lieber aufpassen, was für Fotos wir hochladen…
Wie gesagt, wir haben uns mit dem neuen Portugal arrangiert. Obwohl wir immer noch nicht verstehen, wie es sein kann, daß man hier fast ausschließlich neue Autos sieht, die Restaurants rappeldicke voll mit Einheimischen sind und die Cafeterias, die es alle hundert Meter gibt, nicht nur überleben, sondern auch noch gut besucht sind. Die Lebensmittelpreise sind höher als in Schweden (Ausnahme: Brot, Baguette und Wasser), Bioprodukte gibt es fast gar nicht. Die Biomilch, die ich entdeckte, kostete 1,44 Euro pro Liter, die sechs Bioeier, die aber nicht nach Bio schmeckten, 2,24 Euro. Der Liter Benzin liegt bei 1,60 Euro. Wie bezahlen die Leute das? Soll Portugal nicht angeblich ein Wackelkandidat sein? Nun, den Menschen hier geht es verdammt gut.
Und wir lassen es uns auch gut gehen. Jedenfalls für die nächsten Wochen. So, die Sonne guckt. Vielleicht können wir doch an den Strand, obwohl es heute früh gar nicht danach aussah…
Cordula
Felsküste bei Porto Covo mit Leuchtturm