Fr
17
Dez
2010
Der Countdown läuft. Noch eine Woche, und wir fahren. Erst Weihnachten mit Familie und Freunden, und dann ab in den Süden. Endlich! Noch kann ich es kaum glauben.
Es wird das erste Weihnachten mit Familie seit zehn Jahren. Wird sich merkwürdig anfühlen, unterm Weihnachtsbaum zu sitzen, vor allem, da uns das Fest nichts bedeutet, wir feiern ja die Sonnenwende- die auf den kältesten Tag bisher fallen wird, wenn man den Wetterdiensten glauben darf; es sind Temperaturen von minus zweiundzwanzig Grad angesagt- für den nächsten Ort, wir haben es hier meist fünf Grad kälter.
Ich werde wohl noch zum Zahnarzt müssen. Seit anderthalb Jahren habe ich eine leichte Entzündung in einem meiner Eckzähne; nach dem Unfall wurde es akuter, und vor etwa zehn Tagen richtig akut, so daß ich dachte, ich muß noch zu einem dieser Schwedenpfuscher. Das wollte ich um jeden Preis vermeiden, habe Aspirin gefuttert, mit Kamillentee gespült und ihn literweise getrunken (kalt natürlich, alles andere brachte meinen Zahn fast zum Explodieren), das Zahnfleisch ständig mit Rhabarbertinktur eingepinselt- und hurra, er hat sich beruhigt. Ich kann nicht richtig zubeißen, und ich habe einen unangenehmen Druck auf dem Zahn, die akuten schlafraubenden Schmerzen sind jedoch weg. Also kann ich zum deutschen Zahnarzt, und falls der Zahn sich weiter beruhigt, gehe ich in Portugal. Das wäre mir ja am liebsten.
Die Lämmchen sind geschlachtet. Montag rückte Mustafa mit einem Kumpel und Ehefrau und Kleinkind an; Michael hatte Dieter abgeholt, der sein Bolzenschußgerät einweihte. Sie starben schnell, davon sind wir überzeugt. Es dauerte vier Stunden, bis die vier Lämmchen ausgenommen waren, und das bei minus fünfzehn Grad! Jetzt jedenfalls sind wir schaffrei, und das fühlt sich gut an.
Die Hühner ziehen morgen in die Hühnerpension um. Einundzwanzig Stück haben wir noch, mehr konnten wir nicht reduzieren, es gab sowieso viel zuviel Hühnchen in den letzten Wochen. Und Eier! Drei bis vier Eier pro Tag, ich kann schon keine Eier mehr essen!
Die Welt ist weiß. Und es schneit weiter. Gestern fuhr ich zu meinem Chef, und statt der halben Stunde, die es normalerweise dauert, habe ich fast anderthalb Stunden gebraucht. Ok, ich war die einzige, die so langsam fuhr, und ich habe jeden Autofahrer, der hinter mir war, zur Weißglut getrieben, aber ich bin sowieso der Meinung, daß man bei derartigen Straßenverhältnisse gut daran tut, das Haus überhaupt nicht zu verlassen. Eigentlich ist es das Risiko nicht wert. Aber wer fragt heutzutage schon danach? Wer kann es sich leisten, aufgrund von Schneefall einfach zuhause zu bleiben?
Ziemlich heftig war es auch vorgestern, als ich in Örebro bei meinem Osteopathen war. Ich hatte einige Tage nach dem Unfall urplötzlich kaum noch gehen können, so daß ich einen Akuttermin bei einem Osteopathen in der Nähe (haha, siebzig Kilometer einfache Fahrt waren es trotzdem) vereinbart habe, aber bereits während der Behandlung hatte ich das Gefühl, daß er nicht sorgfältig arbeitet. Sowieso arbeitet er ganz anders als mein Osteopath, aber am schlimmsten fand ich ja, daß er zwar sah, daß ich Probleme mit den Brustwirbeln hatte, sie aber nicht behandelte. Und mir auch nicht erklärte, daß ich Rückenübungen zum Muskelaufbau durchführen muß. Nun gut, mir war es um die Hüfte gegangen, und am Folgetag humpelte ich nicht mehr und hatte nur noch etwas Muskelkater, die Schmerzen waren verschwunden. Jedenfalls war mein Osteopath vorgestern ziemlich enttäuscht, als er meinen schiefen Rücken sah. Mein Akutosteopath hatte es noch nicht einmal hinbekommen, die Hüfte komplett gerade zu rücken, mein rechtes Bein war einige Zentimeter länger als das andere!
Benny und ich diskutierten ziemlich lange über das Thema Osteopathie. Er behandelt mit der klassischen Osteopathie, die sich ziemlich von der unterscheidet, die man an den Schulen lernt. Ursprünglich wollte ich auch Osteopath werden, hatte aber immer die lange Ausbildungszeit von fünf Jahren gescheut. Und billig ist es ja auch nicht. Inzwischen bin ich ganz froh, es nicht gemacht zu haben, denn wenn jemand fünf Jahre lang zur Vollzeitschule geht (hier in Schweden ist es eine Vollzeitausbildung), sollte er in der Lage sein, den Rücken und die Hüfte zu behandeln, und kann er es nicht und legt zudem keinen Wert auf die grundlegende Gesundung des Rückens, dann ist es nicht das, was ich möchte. Ob in Deutschland andere Maßstäbe gesetzt werden, weiß ich nicht, Benny behauptet, die Ausbildung sei europäisch angeglichen worden und sowieso nur eine Grundausbildung, auf die man später aufbauen müsse, aber ob das stimmt, weiß ich nicht. Ich bin jedenfalls zutiefst enttäuscht über die symptomatische Behandlung und heilfroh, bei Benny gelandet zu sein. Er ist wirklich ein Glücksgriff.
Jetzt mache ich dreimal täglich meine von Benny verordneten Übungen und habe fest vor, niemals wieder zu schlampen. Die Schlamperei im Sommer hat mich nämlich sehr weit zurückgeworfen, und der Unfall hat sein übriges getan. Aber ich habe draus gelernt.
Übrigens Unfall: Die gegnerische Versicherung hat einen Beschluß gefaßt: Wir tragen die halbe Schuld. Und bekommen demgemäß auch nur die Hälfte dessen erstattet, was der Clio wert ist. Abzüglich Eigenanteil. Es wird also nichts hängenbleiben, wir gehen leer aus. Mit unserer Versicherung haben wir besprochen, wie wir weiter vorgehen, und uns wurde gesagt, daß wir in den Widerspruch gehen können, es aber unwahrscheinlich sei, daß wir von aller Schuld freigesprochen werden, das maximale sei eine Eindrittelschuld. Wir werden als nicht dagegen vorgehen. Uns wurde seitens unserer Versicherung auch versprochen, daß wir nicht hochgestuft werden, da wir so viele schadensfreie Jahre hatten. Das ist doch großzügig, oder?
Heute Abend bekommen wir Besuch von einer Norwegerin, die wir übers Internet kennengelernt haben. Sie ist auch sehr umweltbewußt eingestellt, wohnt etwa sechzig Kilometer von uns. Mal sehen, ob sie sich bei dem Wetter wirklich ins Auto setzt. Ansonsten müssen wir unser Kennenlernen auf nächstes Jahr verschieben.
Oje, es schneit immer noch. Aber ich habe gehört, in Deutschland sei es nicht anders, dabei haben wir uns grüne Weihnachten gewünscht…