Mi

08

Dez

2010

Eisige Kälte

Als ich heute früh das Schlafzimmer verließ, wurde ich von Minustemperaturen im Flur und ganzen acht Grad in Küche und Wohnzimmer begrüßt. Die Außentemperaturen lagen bei minus 22 Grad, und zur Abwechslung war mal unser Heißwasser eingefroren. Der Volvo sprang nicht an, und da Michael nicht da war, er kommt erst heute Nacht oder gar morgen wieder nach Hause, war ich diejenige, die die schwere Autobatterie ins Haus schleppte und an das Ladegerät anschloß. Da ist man einmal allein auf dem Hof, und dann so etwas. Eigentlich hatte ich heute vormittag einen Termin mit meinem Chef, mit dem ich einige Buchführungsunterlagen durchgehen wollte, aber so mußte ich absagen und den Termin auf morgen verschieben. Ärgerlich!

 

Glücklicherweise mußte ich nicht so viel Wasser zu den Schafen schleppen, wir haben nämlich nur noch die vier Lämmchen. Der Opi und seine drei Mädels sind vorgestern ausgezogen. Das war ein Theater, die vier von den Lämmchen zu trennen und danach in den Anhänger zu verfrachten! Sie wollten nämlich nicht, und nur mit List und Tücke konnte wir sie schließlich dorthin bugsieren, wo wir sie haben wollten.

 

Auch vier kleine Hühnchen zogen um, Annika und Stefan wollten nämlich nicht nur Schafe, sondern auch Hühner, und da wir sowieso zu viele haben… der Abschied fiel mir schwer. Sie bekamen einen Junghahn, einem Sohn von Tokki, unser ehemals schwarzes Küken, das jetzt allerdings einen weißen Kopf und graue, weiße und blaugrün schimmernde Federn ausgebildet hat. Frech ist er, saß vor einigen Tagen zum ersten Mal mit seiner kleinen Freundin auf der Stange und hat auch schon Poppversuche gestartet, der Lümmel. Seine Freundin zog mit um, klar, und noch zwei weitere Hennen desselben Alters. Jetzt sind es nur noch zweiundzwanzig Hühner, die wir haben- immer noch zuviel. Aber ich mag meine Hühnchen und kann mich kaum trennen.

 

In den nächsten Tagen sollen endlich die Lämmer geschlachtet werden. Wie erwartet haben sich nur Mohammeds gemeldet, die sie lebend kaufen wollen, und da wir sie nicht zum Schächten verkaufen, ist es eine Geschichte ohne Ende geworden. Inzwischen haben wir einen Mustafa gefunden, der bei uns schlachtet, wobei wir die Lämmer erschießen. Problem ist nur, daß wir über kein Bolzenschußgerät verfügen, und Dieter, der uns letztes Jahr beim Schlachten geholfen hat, kann momentan nicht zu uns kommen, da sein Auto kaputt ist. Und in einer Woche fährt er für einen Monat nach Deutschland. Jetzt müssen wir zusehen, daß ein Bauer aus der Umgebung sein Gewehr bei uns einsetzt. Wäre alles einfacher, wenn wir einfach sagen würden, Augen zu und durch, ab lebendig mit ihnen- aber das kann ich nicht. Geht nicht. Könnte hinterher nicht mehr in den Spiegel gucken.

 

Ach ja, der Dachs. Der geht mir ziemlich auf die Nerven. Wohnt seit etwa zwei Wochen bei uns unterm Haus, und jede Nacht schlug Bamse wie ein Verrückter mehrfach an. Bamse haßt Dachse. Jedenfalls war dann einige Nächte lang Ruhe, so daß wir dachten, der Dachs wäre umgezogen. Bis dann am Sonntag Schnee fiel und Michael einen Schneewall ans Haus schaufelte, um unter dem Haus etwas zu isolieren. Am nächsten Tag sahen wir dann, daß sich ein Tier durch den Schnee gegraben hatte. Der Dachs war also immer noch da. Und prompt schlug Bamse wieder an.

 

Der Dachs geht ans Hühnerfutter und die Sonnenblumenkerne für die Vögel. Wir hatten eine kleine Öffnung für die Katzen gesägt gehabt, und durch die geht er durch. Wirft die Futtertonnen um, holt die Deckel runter, stiftet Chaos und Unordnung, und futtert sich Nacht für Nacht satt. Vorgestern Abend erwischte ich ihn. Es schepperte und polterte, und dann schoß er aus der Öffnung hinaus und unter die Scheune. Heute habe ich eine dicke Holzleiste gegen die Öffnung geschraubt. Die Katzen dürften noch durch passen, der Dachs hoffentlich nicht. Morgen früh werde ich es dann wissen. So ein Miststück! Von Nachbars haben wir uns eine Fuchsfalle geliehen, die wir aufstellen werden, aber ich begreife die Technik nicht ganz, die dahinter steht, werde damit also auf Michael warten müssen.

 

Es scheint wärmer zu werden. Wir haben nur noch minus dreizehn Grad. Wahrscheinlich bekommen wir Schnee. Wäre schön, wenn die Temperaturen etwas in die Höhe gehen würden, es ist wirklich verdammt kalt. Es beißt im Gesicht, wenn man draußen ist, und Lisa ist auch sehr empfindlich, sie beginnt zu humpeln, und oft bilden sich große Eisklumpen zwischen ihren Ballen, die wir mühselig entfernen müssen. Auf den Holzfassaden liegen Eiskristalle, und der Himmel hat vor allem morgens diese eisblaue Farbe, die einfach nur kalt aussieht- und hält, was sie verspricht. Es gibt ja Spezialisten, die behaupten, die trockene Kälte in Schweden sei ja gar nicht so schlimm, und die allen Ernstes der Auffassung sind, minus zwanzig oder fünfundzwanzig Grad in Schweden seien weniger schlimm als feuchte minus fünf in Deutschland. Ich stehe dem sehr skeptisch gegenüber, denn weder Wasserleitungen lassen sich von trocken oder feucht beeindrucken, noch hat es Einfluß auf den Holzverbrauch oder das eklige Kneifen und Brennen im Gesicht, wenn man sich im Freien aufhält. Ich würde diesen Leuten mal einige Wochen bei uns gönnen, danach würden sie anders reden. Aber wie gesagt, es scheint ja wärmer zu werden…

 

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Outdoor- Magazin, Juni 2010

Freie Heilpraktiker (”Wir”), Dezember 2009

 

 

 

Cordula und Michael verlassen Deutschland. Sie fühlen sich eingeengt und perspektivlos. In den schwedischen Wäldern haben sie sich eine alte Holzhütte ohne Strom gekauft, die sie gegen die Bequemlichkeiten ihrer alten Heimat eingetauscht haben. Ihr Ziel – Selbstversorger in Schweden. Doch ist nicht alles so einfach, wie es klingt.

 

In diesem Buch beschreibt Cordula 6 Jahre Auswanderalltag ungeschminkt in allen Facetten. Daß es heute nicht so leicht ist, ein Leben ohne Strom zu führen, wird in dem reich bebilderten Buch (über 90 Fotos!) ebenso herzlich erfrischend von der Autorin geschildert wie die vielen anderen schönen und schlechten Momente in ihrem neuen Zuhause.

 

Daß Wäschewaschen ohne Waschmaschine zeitraubend und mühselig ist, und daß man beim Holzhacken fast die Hand verlieren kann, sind nur einige der fesselnden Anekdoten, in denen Cordula das Leben in Schweden beschreibt. Sie läßt den Leser eindrucksvoll teilhaben an der Arbeitssuche, ebenso wie an der Zähmung eines Hühnerkükens oder den Schwierigkeiten, ein Plumpsklo zu entleeren.

 

Dieses amüsant und leicht zu lesende Buch legt man nicht so schnell zur Seite. Für alle, die jemals vom Auswandern geträumt haben oder für Freunde Schwedens, ist diese Geschichte vielleicht nicht nur spannende Freizeit- oder Urlaubslektüre, sondern auch ein Buch, das Mut macht. Nämlich Probleme anzupacken, wo sie auftauchen, die schönen Momente zu genießen und seine Träume zu leben.  

 

ISBN: 9-783839-103142

 

 

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