Fr
19
Nov
2010
Daß ich hier jetzt sitze und tippe, ist ein halbes Wunder. Und daß Michael im Wohnzimmer im Sessel sitzt, ist eigentlich sogar ein ganzes. Denn wir hatten heute einen Autounfall, der durchaus hätte übel ausgehen können- hätten wir nicht Engel- und Götterhilfe gehabt.
Wir kamen von unserer Werkstatt, hatten den Volvo hingebracht und fuhren mit meinem kleinen Clio zurück. Ich fuhr, Michael saß auf dem Beifahrersitz. Ein schmaler Weg, alles vereist. Ich bin schon immer vorsichtig gefahren, seit unserem Autounfall vor über zehn Jahren fahre ich noch vorsichtiger, vor allem, wenn es glatt ist. Ich fuhr langsam in eine Kurve, es ging leicht bergab, da sah ich einen großen Saab auf uns zuheizen. Michael rief noch ein lautes Scheiße oder so ähnlich, bei mir gingen die Reflexe los, ich reagierte automatisch.
Sollte ich bremsen oder nicht? Immerhin war die Straße vereist, und wenn man auf Eis bremst, kann man alles noch schlimmer machen. Auf welche Seite weiche ich aus? Ich weiß ja nicht, ob und falls ja, in welche Richtung der andere fährt. Wenn ich ausweiche, wo findet dann der Zusammenstoß statt, wie kann ich den Aufprall abmildern? Viele Gedanken schossen mir durch den Kopf, und wie ich letztendlich reagiert habe, weiß ich nicht.
Der Wagen donnerte fast frontal in uns hinein, es schepperte laut, und dann fuhr er die Böschung hinunter. Der kleine Clio stellte sich quer über die Straße, Michael schrie und hielt sich den Kopf. Verdammt, er war mal wieder nicht angeschnallt gewesen, und ich hatte es nicht gesehen gehabt.
Der andere Fahrer war ein Bürschchen von 19 Jahren, war natürlich unverletzt. Er hatte seinen Führerschein erst im Juli gemacht, wie ich später dem Führerschein entnahm. Aber er hatte einen großen Kumpel, der uns bei seinem Eintreffen mit den bösen Worten: „Und Ihr habt keine Versicherung?!“ begrüßte. Ich war nur noch sprachlos, und mir war klar, daß uns Ärger erwartete.
Michael lief hin und her, behauptete ein ums andere Mal, es sei ihm nichts passiert. Na, das konnte ich jetzt glauben oder nicht, aber einfach wegfahren zum Arzt konnten wir ja auch nicht. Ich rief den Besitzer der Werkstatt an, die nur wenige hundert Meter entfernt lag, und er knipste einige Fotos und maß zusammen mit Michael, der sich tatsächlich wacker auf den Beinen hielt, die Bremsspur aus: Über dreißig Meter, und das bergauf! Da konnte der vorlaute Kumpel des Unfallgegners tausendmal behaupten, wir wären beide zu schnell gefahren und wären jetzt beide dran, meine Bremsspur war nur wenige Meter lang.
Naja, im Endeffekt kam tatsächlich die Polizei, da sie gerade in der Nähe war und Michael über rasende Kopfschmerzen klagte. Auch die Ambulanz trudelte ein, und ein Abschleppunternehmen rief auf meinem Telefon an und fragte, ob sie die Autos abschleppen sollten. Ich pustete ins Röhrchen, Michael wurde auf die Bahre gelegt und zur nächsten Arztzentrale gefahren, und der Clio zur Werkstatt gebracht. Er ist ein Totalschaden, da ist wohl nichts mehr zu machen. Erst im Juli gekauft, und dann so etwas.
Die Polizei maß übrigens nicht die Bremsspuren aus, wie ich es eigentlich erwartet hatte. Die Schuldfrage würden die Versicherungen klären, teilten sie mir zu meinem Frust mit, sie nahmen nur kurz die Personalien auf und fuhren dann wieder weg.
Ich stritt mich noch mit dem Kumpel des Unfallgegners herum, der eine meiner Meinung nach falsche Skizze des Unfallhergangs anfertigte und dann von mir ungehalten die Unterschrift forderte, die ich verweigerte, rief die Versicherung an, da ich mich nicht über den Tisch ziehen lassen wollte und sorgte mich gleichzeitig um Michael. Mehr als Händchen hätte ich nicht halten können, daher focht ich meinen Kampf aus und überließ ihn den mehr oder weniger kundigen Händen des Arztes.
Der Neunzehnjährige war übrigens auf dem Weg zur Jagd gewesen und mußte noch seine Gewehre aus dem Auto holen. Daß so junge Burschen mit scharfen Waffen umherfuchteln dürfen, finde ich heftig, und ich hätte das trotz aller Jagdmißstände in Schweden nicht erwartet.
Als ich Michael endlich mit dem Volvo abholen konnte, waren fast zwei Stunden vergangen. Sie hatten ihn nach Hause geschickt. Die Untersuchung hatte darin bestanden, daß sie seinen Puls und Blutdruck gemessen hatten ( So einen tollen Blutdruck hätten sie auch gern, sagten Arzt und Arzthelferin, wobei sie nicht beachteten, daß Michael normalerweise unter zu niedrigem Blutdruck leidet) und sich die Platzwunde angesehen hatten. Ich bin der Überzeugung, er hat zumindest eine leichte Gehirnerschütterung, eventuell sogar ein leichtes Schleudertrauma, das bleibt abzuwarten. Übel ist ihm zum Glück nicht, aber müde ist er. Und er fror die ganze Zeit. Ganz eindeutig die Symptome eines Schocks.
Mein Rücken tut weh, diesmal die Brustwirbel, und ich kann nur hoffen, daß Bennys vorgestrige Behandlung nicht völlig hinüber ist. Ich kann auch nicht mal eben zu ihm fahren: Es sind über hundert Kilometer einfache Fahrt, und außerdem ist er total ausgebucht, arbeitet sowieso schon sechzig Stunden die Woche. Daß Michael Rückenschmerzen hat, überrascht nicht, er hatte die Behandlung ja bereits vor zwei Jahren abgebrochen, da er keine Lust auf die Rückenübungen hatte, und sein Rücken ist sowieso derart kaputt, daß er nie wieder vollständig geheilt werden kann.
Wir haben riesiges Glück gehabt. Das hätte alles auch ganz anders ausgehen können. Dank allen guten Geistern, die uns beigestanden haben!