Mi
13
Okt
2010
Gestern früh saß er auf unserer Wiese: Der Fuchs, den unsere Nachbarin diesen Sommer schon oft bei sich gesehen hat. Michael entdeckte ihn als erster, und nachdem er ihn zuerst für Hemmel gehalten hatte, der ja auch so rötlich schimmert, informierte er uns über unseren Besucher, so daß wir alle einen Blick auf ihn werfen konnten, wie er geduldig ein Mauseloch bewachte. Es war eine eher ungewöhnliche Tageszeit für Füchse, die ja eigentlich in der Dämmerung jagen, und wir entschieden uns, die Hühner noch einige Zeit im Stall zu lassen.
Es war ein schöner Tag. Die Sonne schien, es waren nur wenige Wolken am Himmel. Mit unseren beiden Hunden machte ich einen Spaziergang zu unseren Nachbarn, bei denen Michael und Manuel das Dach deckten. Wieder zuhause, setzte ich mich an den Rechner, als mich ein gräsliches Geschrei aufschreckte. Eindeutig ein Huhn, aber auch eindeutig keine Keilerei zwischen ihnen, das klang zwar auch teilweise heftig, aber nicht so. Hier schrie ein Huhn in Todesangst.
Ich sprang auf und rannte aus dem Haus zum Hühnerstall, der sich nur wenige Meter entfernt vom Wohnhaus befindet. Und da sah ich ihn, wie er ein Huhn in der Schnauze hatte und sich aus dem staub machen wollte: Der Fuchs. Ich konnte es kaum fassen: Es war hellichter Tag, und der Fuchs ging so nah ans Haus?! Mitte Oktober?!
Ich sprang laut schreiend und mit den Armen wild fuchtelnd hinter ihm her, wie er unsere junge Brahmahenne wegschleppte, die schrie und schrie. Der Fuchs blickte sich um, zögerte, sah mich an. Einen Moment lang dachte ich, er greift mich an, und das machte mich noch zorniger. Ich schrie noch lauter und setzte mit großen Sprüngen auf ihn zu. Er ließ das Huhn fallen und rannte in den Wald.
Die Henne war unverletzt, die Hühnerherde in alle Winde verweht. Fassungslos ging ich vorm Hühnerstall auf und ab. Ich war noch dabei, Michael telefonisch über den Vorfall zu informieren, er hatte mich bis zu Nachbars schreien hören, da traute ich meinen Augen nicht: Der Fuchs lugte wieder um die Ecke der Scheune! Keine zwei Minuten, nachdem ich ihn verjagt hatte! Wieder packte mich die Wut, und schreiend, das Telefon ans Ohr gepreßt, rannte ich auf ihn zu. Er wandte sich blitzschnell um und verschwand im nahegelegenen Wald.
Von diesem Augenblick an konnte ich mich nicht mehr entspannen. Ständig stand ich am Küchenfenster und schaute hinaus zu den Hühnern. Bamse hatte ich wieder draußen angeleint, damit er anschlagen würde, wenn der Fuchs wieder käme. Das Problem war nur, daß unsere Hühner sich ja über das ganze große Grundstück bewegen und sich auch in Waldrandnähe aufhalten, wie sollte ich dem Fuchs rechtzeitig in die quere kommen, wenn er doch auf diese Weise alle Vorteile auf seiner Seite hatte?
Bei den Baggerarbeiten waren sehr viele Steine zum Vorschein gekommen, und von den faustgroßen holte ich mir jetzt einige und legte sie mir zurecht, damit ich den Fuchs mit Steinen bewerfen könnte, wenn er nochmal käme. Illusionen mache ich mir aber keine: Ich bin schon immer sehr schlecht im Zielen gewesen, wahrscheinlich würde der Fuchs über meine Bemühungen, ihn zu treffen, nur lachen. Und ich prüfte nach, wo die große Axt stand, damit ich sie im Fall der Fälle auch sofort greifbar hätte.
Relativ früh lockten wir die Hühner in den Stall, den wir ordentlich verrammelten. Viel Zeit zum Diskutieren hatten wir nicht, denn an diesem Abend sollte zum ersten Mal unser Gitarrenkurs stattfinden, so daß wir uns kurz vor sechs auf den Weg machten.
Ich hatte die älteste und schrammeligste Gitarre des ganzen Kurses; vor Jahren hatte ich sie mal auf dem Flohmarkt gekauft, und so sah sie auch aus. Sogar Michaels Gitarre glänzte neu, dank Lidl, wo ich vor drei oder vier Jahren um die Weihnachtszeit günstig eine klassische Gitarre gekauft hatte, immer optimistisch, doch irgendwann einmal anfangen zu können, mir das Gitarrespielen zu lernen.
Ich habe mal nachgerechnet: Es hat sechsundzwanzig Jahre gedauert, bis ich mir diesen Wunsch erfüllt habe. In der fünften Klasse hatte ich eine Arbeitsgemeinschaft belegt, in der wir die Grundlagen des Gitarrespielens lernten, natürlich auf dem Niveau eines Kindes, klar. Seitdem wollte ich Gitarre spielen lernen. Und jetzt endlich ist es soweit. Gut Ding will Weile haben. Ich habe noch Kontakt zu meinem damaligen Gitarrenlehrer, ich muß ihm unbedingt schreiben…
Jedenfalls tippe ich mit schmerzen Fingerkuppen, denn die müssen sich erst einmal an die Saiten gewöhnen. Und mit einem Ohr bin ich immer draußen bei den Hühnern, bereit, sie zu verteidigen. Ich frage mich nur, wie ich mit meinen Puschen hinter dem Räuber herrennen soll. Aber das wird sich zeigen.
Michael wollte die Hühner eigentlich im Stall lassen, aber dagegen habe ich mich gesträubt. Meine Hühner müssen frei gehen! Ich vertraue einfach mal darauf, daß ich den Fuchs gestern derart erschreckt habe, daß er nicht wiederkommt. Wir ziehen in Erwägung, sie in den Schafstall umziehen zu lassen, dann können sie im eingezäunten Bereich frei gehen. Den Küchengarten haben wir provisorisch mit dem orangefarbenen Fertigzaun eingezäunt, wie im letzten Herbst, damit sich so wenig Hühner wie möglich in die Gemüsebeete verirren und Unheil anrichten. Den Zaun haben wir bei den Schafen entfernt, so daß Michael und Manuel dort einen Maschendraht aufgesetzt haben, auch provisorisch, damit wir ihn wieder abbauen können, wenn die Schafe weg sind. Soviel zum hühnerfreien Gartenbereich… was tut man nicht alles für das geliebte Federvieh…