Fr
03
Sep
2010
Katha hat mich verlassen. Ich glaube das gar nicht. Wie schnell waren die vier Wochen um! Anfangs erscheint es lang, aber dann fängt die Zeit an, zu rasen. Und das unfaßbare: Sie tauscht die supertolle Lehrerwohnung mit Blick auf die Wiese, die sie die letzten Wochen bewohnte, freiwillig gegen ein Bett im Zwölfbettzimmer in irgendeinem Hostel in Stockholm! Bevor sie nach Hause fährt, will sie nämlich noch unsere Hauptstadt erkunden. Na, das wird ein Kulturschock werden!
Ich bin also allein auf dem Hof, denn Michael ist seit gestern früh auf Montage und hat Manuel mitgenommen. Gut, unser letzte Woche überraschend aufgetauchter waschechter Bayer, der Hans, ist noch da. Er wohnt auf dem Schuldachboden. Von ihm sieht und hört man nur hin und wieder etwas. Und auch meine Eltern haben ihren Urlaub doch nicht verkürzt, und mein Vater tobt sich an den Beeteinfassungen aus. Dennoch: Es ist anders.
Da wir Mädels gestern bereits sturmfrei hatten, ließen wir es uns richtig gut gehen. Einem Ausflug an einen nahegelegenen See mit den Hunden folgte ein gemütlicher Abend vor dem Kamin, vor dessen prasselndem Feuer wir uns einen pichelten. Katha mit Bier, ich hatte etwas Wein für mich hervorgekramt. Es war ein schöner Abend, und Michael, der um zehn Uhr anrief, behauptete doch glatt, wir hätten einen sitzen! Wie will der das denn beurteilen?! Wohl nicht an dem Gegacker, das durch das Telefon schallte?!
Als wir um elf Uhr ins Bett gingen, hatten wir sage und schreibe zwei Grad draußen. In geschützter Lage am Küchenfenster, also kann man sich ausrechnen, wie die echten Temperaturen gewesen sind. An dem Ort, wo Michael momentan malt, weiter im Süden, war jedenfalls Frost.
Höchste Zeit, Zucchini und Sellerie zu ernten. Die Tomaten auf den Beeten werden auch nichts mehr, die einzigen, die wir ernten, sind die im Gewächshaus. War ja eigentlich klar, aber wir mußten es ja trotzdem mit Freiland versuchen… Roter Meier und Mangold stehen immer noch gut, die können etwas Kälte vertragen. Dennoch sollten wir sie in den nächsten Tagen ernten.
Salat- wir haben viel zuviel Salat. Unsere letzten Wwoofis waren derartige Salatmuffel, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte! Und allein schaffen wir die Berge an Grünzeug nicht. Naja, die Hühner werden sich freuen.
Apropos Hühner. Da ist ja wieder einiges los.
Termingerecht letzten Sonntag schlüpften fünf Küken der brütenden Brahmahenne. Ihr hatte ich am ersten Bruttag vier Eier untergeschoben, damit es sich auch lohnt, denn sonst brüten sie nur ein, maximal zwei Küken aus. Irgendwie ging das Brütgen in den letzten Generationen verloren, da müssen wir nachhelfen. Bei einer der im Frühsommer brütenden Hennen hatte ich keine Eier, die ich unterschieben konnte, und so kam es, wie es kommen mußte: Sie brütete ein Einzelkind aus. Als es später selbständiger wurde, suchte es Anschluß an die anderen Hühner, fand ihn aber nicht, und war daher immer allein unterwegs. Was tat es mir leid, dieses Einzelkind! Irgendwann hatte es sich genug Mut angesammelt, um bei vier älteren Halbstarken Anschluß zu suchen. Die jagten ihn (ja, es ist ein Hahn, das sieht man inzwischen) jedoch fort. Nächster Versuch war dann die Gruppe jüngerer Küken, die noch mit ihrer Mutter gingen. Hier klappte es besser, hier war er der Ältere, und seit Wochen ist er mit ihnen zusammen. Ist ein merkwürdiger Anblick: Die Glucke mit ihren sechs Küken- und einem größeren dazwischen…
Gestern früh jedenfalls waren die fünf kleinen Kuschelknäule so munter, daß ich die Abtrennung entfernte, damit sie nicht allein auf Spaziergang gehen; die Küken nämlich passen durch das Gitter, die Glucke nicht. Die Sonne schien, es war relativ warm, etwa zwölf Grad. Und tatsächlich, sie schossen den ganzen Tag mit Mami draußen herum und entdeckten die Welt.
Eine weitere Henne hatte einige Tage nach der Brahmahenne angefangen, zu brüten, und auch ihr hatte ich einige Eier untergeschoben. Vorgestern entdeckte ich dann ein pechschwarzes Küken bei ihr. Der Vater ist eindeutig Tokki, denn auch er war kohlrabenschwarz gewesen, bevor er sich für mehr Farbe entschieden hatte. Und heute früh sah ich noch ein hellbraunes Köpfchen aus Mamis Federn herauslugen.
Unsere beste Glucke scheint krank zu sein. War gestern seit mittags im Stall, saß jedoch abends auf der Stange, so daß ich dachte, das schlimmste sei um. Heute jedoch war sie wieder in der dunkelsten Ecke. Ich stellte ihr Wasser und Futter hin, damit sie es nicht so weit hat und sich auf ihre Erholung konzentrieren kann. Sie jedoch floh wie ein aufgescheuchtes Huhn (jaja, diese Wortspielereien) aus dem Stall und begann, draußen zu picken. Blieb aber nicht lange draußen, später war sie wieder im Stall. Ich hoffe, sie erholt sich wieder. Klarasson war ja auch einmal krank gewesen, so daß wir dachten, ihn schlachten zu müssen, auch er hatte sich nach einigen Tagen erholt.
Die Schafe sind auch mal wieder ausgebüxt. Sie finden wirklich jedes Loch in der Abtrennung, und wenn keines da ist, werfen sie sich so lange gegen die Bretter, bis eines nachgibt. Dabei hatten Katha und ich die Fägatan extra mit viel Mühe repariert! Die Schafe haben etwa drei Hektar grüne Wiese zur Verfügung, aber natürlich reicht es ihnen nicht, sie wollen mit dabei sein, wenn gewerkelt und gebaggert wird. Denn:
Von Montag bis Mittwoch hatten wir einen Bagger auf dem Grundstück, der Wasserleitung vom Brunnen bis zur Schule und zur Schmiede legte! Passend, daß sowohl Michael als auch Katha gerade Glennkill hörten, den Schafskrimi als Hörbuch, und sich ständig Schafssprüche um die Ohren hauten und einen Charakterabgleich zwischen unseren und den Glennkillschafen vornahmen. Ich weiß nicht, welcher der Praktikanten das Hörbuch mit angeschleppt hatte, aber sie hörten und besprachen es mit wachsender Begeisterung…
Michael lockt die ausgebüxten Schafe mit Getreide
Und von wegen, alles Sand: Da kamen teilweise so große Felsbrocken zum Vorschein, daß die Wasserleitung einen großen Umweg machen muß und daher nicht gereicht hat. Also ist Michael noch losgefahren und hat einige Meter gekauft. Außerdem liegt die Leitung aufgrund der Felsen nicht überall frostfrei, so daß wir noch ein Wärmekabel kaufen müssen. Ärgerlich.
Drei Tage lang arbeitete der Bagger an dem Graben für die Leitung, und Michael und teilweise auch Manuel standen knietief im Matsch, es regnete nämlich mal wieder. Parallel dazu ging natürlich unsere Wasserpumpe kaputt, und da die Handpumpe letztens für Diesel herhalten mußte, konnte ich sie nicht mal eben aktivieren. Und nachkaufen können wir sie auch nicht, sie ist nämlich aus dem Sortiment genommen worden…
Jedenfalls durchzieht jetzt eine breite braune Narbe die Wiese. Und meine Aufgabe wird es sein, alle Steine aufzulesen und die Erde breitzuziehen. Das ist nicht wenig Arbeit, denn durch den Wasserdruck vom Hügel konnte unser Baggerfahrer die letzte Hälfte der Strecke nicht gut arbeiten, so daß der Boden sehr, sehr uneben ist. Ich drücke mir jetzt alle Daumen, daß unsere nächste Wwooferin, die sich für nächstes Wochenende angesagt hat, auch wirklich kommt. Sonst stehe ich allein da, denn die Zeit drängt auch, wenn erst Gras wächst, ist es zu spät.
Und dann die Herbstarbeiten in Garten und Gewächshaus. Nicht wenig. Montag fange ich an zu arbeiten, und da ich mich erst einarbeiten muß, werde ich sicherlich die ersten Tage bei meinem Chef verbringen, bevor ich mir die Akten schnappen und nach Hause fahren kann.
Mein Chef ist aber echt cool. Eigentlich sollte ich bereits Mittwoch anfangen, zu arbeiten. Als ich in Dienstag wegen der Arbeitszeiten anrief und ihm sagte, daß ich noch Praktikanten habe und daher eigentlich erst ab ein oder zwei Uhr kommen könne, sagte er, das sei ja alles so schnell gegangen mit der Anstellung bei ihm, ich solle doch erst am Montag anfangen. Das finde ich richtig gut.
Mein Büro übrigens kommt in den verglasten Raum oberhalb des Eingangsbereiches. Bereits bei der Besichtigung hatte ich das Zimmer beschlagnahmt, und bisher hatten wir es zur Anzucht benutzt. Es steht also eigentlich leer, so daß es jetzt umfunktioniert wird. Leider verfügt es nur über einfachverglaste Scheiben, da wird mir Manuel noch was basteln müssen, damit ich nicht friere. Aber wenn ich dort sitze, habe ich einen tollen Ausblick über den Hof.
Es ist halb neun. Fast dunkel. Zeit, sich vor den Kamin zu setzen.