Do
19
Aug
2010
Regen. Eigentlich war es klar: Ist das Dach der Schmiede abgedeckt, beginnt es zu regnen. Denn statt tatsächlich abzuziehen, haben sich die dunklen Wolken seit einigen Tagen bei uns eingenistet,
und heute früh hatten wir nur neun Grad. Etwas zu kühl für August, und eine Besserung ist nicht in Sicht.
Überhaupt geht momentan einiges bei uns schief. Michael hatte sich Mitte Mai selbständig gemacht, und der Malereibetrieb lief auch ganz gut an, so daß wir, wenn alls wie geplant gelaufen wäre,
diesen Monat endlich im Plus gelandet wären. Dann jedoch hatten wir den ersten Kunden, der nicht bezahlt. Wir übergeben die Angelegenheit jetzt dem Inkasso, müssen die Kosten jedoch vorstrecken,
in der Hoffnung, sie irgendwann vom Schuldern zurückerstattet zu bekommen. Und die Sachbearbeitungszeiten sind sehr lang. Also heißt es, warten und hoffen.
Dann der nächste Schreck: Hier in Schweden gibt es einen staatlichen Zuschuß, wenn ein Handwerker Arbeiten im und am Haus durchführt. Der Handwerker holt sich die Hälfte seiner Arbeitskosten vom
Finanzamt. Das hatte bisher auch immer gut geklappt, aber bei einem der Aufträge ging die Zeit, ohne daß die Erstattung erfolgte. Ein Anruf beim Finanzamt gestern informierte uns darüber, daß der
Kunde das Haus, in dem Michael tapeziert hatte, garnicht besaß, und daß daher keine Erstattung erfolgen könne. Glücklicherweise jedoch konnte Michael den Kunden erreichen und erfuhr dann, daß
sich die Umschreibung nach dem Hauskauf aus verwaltungstechnischen Gründen verzögert hatte, in den nächsten Tagen jedoch erfolgen müsse. Da können wir nur hoffen, daß das Geld noch rechtzeitig
zum Monatsende mit seinen vielen fälligen Rechnungen kommt.
Und dann der absolute Knaller: Michael hatte einen Auftrag in Südschweden. Ein Deutscher, der sein Ferienhaus gemalt haben wollte. Die Farbe wurde extra angemischt, Michael fuhr vorgestern
runter- und fand das Haus verrammelt vor. Auch der Nachbar, der den Schlüssel haben sollte, war nicht da, weder am Abend noch gestern früh. Damit hatte Michael keinen Strom für die Hebebühne und
konnte auch nicht die Fenster malen, da die nach innen aufgehen und daher im geöffneten Zustand gemalt werden müssen. Also fuhr er gestern unverrichteter Dinge wieder zurück. Hinfahrt acht
Stunden Fahrt, Übernachtung, Rückfahrt sieben Stunden. Wir sind sauer und frustriert und fragen uns, was wir mit diesem Auftraggeber machen sollen. Denn der hat uns, entgegen seiner Zusage, immer
noch nicht seine deutsche Adresse mitgeteilt.
So kommt eines zum anderen, und wir überlegen ernsthaft, die Firma wieder niederzulegen, denn wenn man sechzig Stunden die Woche arbeitet und sogar noch Montage macht, sollte irgendwann auch
etwas hängenbleiben, und genau da hakt es bei uns. Pechsträhne?
Und dann die niederschmetternde Nachricht für mich: Seit Mai habe ich eine Reitbeteiligung und bin dabei, ein richtig gutes Team mit Tess, "meinem" Pferd, zu werden. Allerdings soll sie jetzt
verkauft werden! Ich kann sie momentan nicht nehmen, also muß ich mich von ihr verabschieden, und das macht mich wirklich traurig. Ich kann die Besitzerin verstehen: Sie wohnt allein im Wald,
studiert, arbeitet- und hat noch drei Pferde. Das ist einfach zuviel. Und ich kann nicht die zeitliche Entlastung bringen, die sie bräuchte, da ich auch sehr eingespannt bin und allein fast eine
halbe Stunde bis zu ihr fahre.
Sie sagte mir, daß sie sie auf jeden Fall zum Verkauf anbieten möchte, bevor die ganzen Sommerpferde verkauft werden. Sommerpferde? Das kannte ich garnicht, und sie erklärte es mir: Es ist hier
in Schweden wohl relativ üblich, daß sich Leute im Frühjahr ein Pferd kaufen, das sie im Herbst wieder verkaufen. So etwas begreife ich nicht! Bei einem Pferdekauf geht es doch um soviel mehr als
ein paar Ausritte im Sommer! Eine Kameradschaft mit dem Pferd, eine Beziehung, ein neues Familienmitglied! Und wie egoistisch auch, es streßt Pferde doch unheimlich, ständig den Besitzer zu
wechseln! Das Problem der Sommerkatzen kenne ich, und daß Hunde vorm Urlaub ausgesetzt werden, ist auch allgemein bekannt, aber Sommerpferde?!? Auf diese Idee wäre ich garnicht gekommen, mir ein
Pferd für den Sommer zu kaufen! Die Menschen sind wirklich merkwürdig!
-Gibt es auch gute Nachrichten? Ja, gibt es! Wir ertrinken in Zucchinis, und die ersten Tomaten sind auch reif! Unser Gewächshaus ist ein einziger Dschungel, und heute hat Michael wieder eine
Riesengurke geerntet. Jetzt hoffe ich, daß sich das Wetter trotz allem wieder bessert, damit meine asiatischen Blattgemüse gut wachsen. Und damit mein Ausritt auf Tess morgen nicht ins Wasser
fällt.