Mi
07
Okt
2009
Es fing ganz harmlos an. Ich ließ die Hühner aus dem Stall und fütterte sie und die Katzen. Frühstückte, ging mit den Hunden eine Runde und gab dann ihnen etwas zu futtern. Nachdem ich die notwendige Rechnerarbeit erledigt hatte, verließ ich das Haus- und wurde vom Anblick der Schafe auf meinem Gemüseacker begrüßt. Mich traf fast der Schlag, wie ich sie da genüßlich an meinem Grünkohl knabbern sah, das einzige Gemüse, das einigermaßen gut gekommen war, und auf dessen Verzehr ich mich bereits gefreut hatte. Mein Blick wanderte zum Erdbeerbeet: Auch dort knusperte ein Schaf an meinen Erdbeerpflanzen.
Als wir die Schafe vor einigen Wochen bekommen hatten, verfügte unser Grundstück über einen einzigen festen Zaun, nämlich den, mit dem wir den Acker gegen unerwünschten Elchbesuch eingezäunt hatten. Eigentlich hätten wir lieber festen Weidezaun aufgebaut, aber zum einen fehlte uns die Zeit, und zum anderen wußten wir nicht, wo die endgültigen Weiden für unsere Tiere liegen sollten. Über (Bio-) Strom verfügten wir auf dem Grundstück, daher entschieden wir uns für einen transportablen Elektrozaun, den wir uns geliehen hatten. Mir war diese Technik von Anfang an nicht geheuer, da sie aber jeder anscheinend problemlos benutzte, wollte ich dem ganzen nicht zu negativ gegenüberstehen. Und irgendwie mußten die Schafe ja eingezäunt werden.
Und da standen sie nun mitten zwischen meinen Kohlköpfen und fraßen das bißchen Gemüse, das ich ernten wollte! Ein Blick zum Zaun enthüllte, daß einige Pfosten auf dem Boden lagen. Das Weidezaunaggregat schien aus zu sein, und eine Kontrolle der Steckdose wies auf einen Kurzschluß. Nun kenne ich mich überhaupt nicht mit Strom aus, so daß ich schließlich zwei Verlängerungsschnüre holte und den Strom von einer anderen Steckdose zum Aggregat legte. Auch dann funktionierte es nicht, dabei hatte ich es erst einen Tag zuvor gekauft. Gebraucht zwar, aber funktionieren sollte es trotzdem, zumal es doch gestern nicht kaputt gewesen war.
Eine kurze Untersuchung zeigte mir, daß ich es falsch angeschlossen hatte. Jedes Aggregat verfügt über einen schwarzen und einen roten Anschluß, von dem einer den Strom auf den Zaun leitet und der andere zur Erdung benutzt wird. Ich hatte mich an den Farben des alten Aggregates orientiert, dessen Knöpfe vom Vorbesitzer allerdings augenscheinlich vertauscht worden waren. Ich korrigierte den Fehler und hatte wieder Strom auf dem Zaun.
Ich trieb die Schafe wieder auf ihre Weide. Kaum hatte ich ihnen den Rücken zugewendet, standen sie wieder auf dem Gemüseacker. Ich legte wieder einige Pfosten um, trieb die diesmal sehr unwilligen Schafe hinein, und stellte die Pfosten auf.
Die Schafe hatten herausgefunden, wie man den Stromschlägen entgeht. Ich konnte es beobachten: Erst wurde der Kopf zwischen zwei Strombändern hindurchgeschoben, dann kam der wollige Körper mit Wucht nach. Die Wolle leitete nicht, so daß sie unbeschadet durch den Zaun gehen konnten.
Ich erweiterte von drei auf fünf Bänder. So sollten sie den Kopf nicht mehr zwischen zwei Bändern hindurchstecken können, ohne einen Schlage zu bekommen.
Inzwischen war es früher Nachmittag, so daß ich frohen Mutes mit Bamse und Lisa auf einen längeren Spaziergang ging. Wir waren fast wieder zuhause angelangt, da rannte Lisa in den Wald, anscheinend hinter einer Spur her. Mein Rufen erzielte keine Wirkung, sie kam nicht zurück. Und dann hörte ich sie bellen, weit weg. Sie bellte und bellte. Ich rief und rief. Sie bellte. Und dann war plötzlich Stille.
Bamse folgte der Spur in einem Tempo, bei dem ich nicht mithalten konnte. Die Bäume schlossen sich immer enger um mich, von Lisa keine Spur. Ich lief Gefahr, mich zu verlaufen, so gut kannte ich mich hier noch nicht aus, so daß ich wieder zurück ging.
Bamse brachte ich ins Haus, warf einen Blick auf die Schafe, die wieder mitten im Grünkohl standen, und lief wieder los, Lisa suchen. Vor einigen Tagen erst hatte ich ein Wolfsrudel in der Nähe gehört, ich machte mir wirklich Sorgen um sie. Aber auch ein Elch kann mit seinen Hufen einen Hundeschädel ohne weiteres zerschmettern.
Ich rief, lief durch den Wald und verlief mich. Eigentlich war ich überzeugt gewesen, mir den Weg gemerkt zu haben, dennoch kam ich schlußendlich an einer ganz anderen Stelle aus dem Wald heraus, als ich geplant hatte. Von Lisa keine Spur. Inzwischen war sie über eine Stunde verschwunden, und Michael befand sich bereits auf dem Weg zu mir. Ich kontrollierte nochmal am Haus, auch dort war Lisa nicht. Wieder ging ich los, und wieder fand ich sie nicht. Da entschloß ich mich, noch ein letztes Mal am Haus nachzusehen, dann Kreide zu holen, um meinen Weg im Wald zu markieren, und mich richtig in den Wald zu schlagen. Eilig ging ich zum Haus- da kam mir Lisa entgegen. Sie blieb stehen, wußte wohl nicht recht, ob sie zu mir kommen sollte oder nicht, dann legte sie sich auf dem Boden und kroch einige Meter auf mich zu. Ich war so erleichtert, daß ich gar nicht böse sein konnte. Sie begrüßte mich, als ob sie mich mehrere Tage statt zwei Stunden nicht gesehen hätte, und ich gab Michael Entwarnung. Was war ich froh!
Blieben also noch die Schafe, die immer noch auf der falschen Seite des Zaunes standen. Zwar hatte ich meinen Grünkohl eigentlich abgeschrieben, als ich dann aber sah, wie gut er ihnen mundete, packte mich doch wieder das kalte Grausen. Ich trieb sie weg und zog einen neuen Zaun kurz unterhalb meines Grünkohls. Bei Einbruch der Dämmerung hatte ich Strom auf dem Zaun und kann jetzt nur hoffen, daß sie nicht wieder durchbrechen.
Rasch ging ich noch die Beete ab, die den Schafen ausgeliefert waren, und sammelte ein paar kleine Brokkolirosen ein, rettete einige Kohlrabi, und pflückte die restliche Petersilie und einige Grünkohlpflanzen, die weiter unten auf dem Acker standen.
Morgen stecke ich eine neue Wiese ab. Mit Elektrozaun. Sollten die Schafe da hindurchgehen und die Wölfe kommen, ist es halt so. Nicht zu ändern. Drücken wir die Daumen, daß das Rudel in andere Jagdgründe gezogen ist.